Die Momos-Story

Momos

Sie hatten es sich gemütlich gemacht auf ihrem Olymp, die Götter der alten Griechen. Es gab bei ihnen weder Krankheit noch Tod, keinen Klimawandel und keine Steuererklärung. So lebten sie sorglos in edler Langeweile dahin. Nur einer störte. Er hieß MOMOS, er war ein Sohn der Nacht, die sich hier auf Griechisch NYX nannte und hatte an buchstäblich allem etwas auszusetzen: an der Einfallslosigkeit des Kochs, der täglich Nektar und Ambrosia servierte, an Zeus` dreister Schürzenjägerei, an Häphaistos` Buckel und an Aphrodites Schweißfüßen. Als sich schließlich eines Tages die Beschwerdefälle derart häuften, dass die Götter vor lauter Zänkerei und Beleidigungsprozessen kaum noch Zeit für ihr Nichtstun fanden, griff Zeus, der Chef des Olymp, zu einem rabiaten Mittel. Er verbannte Momos aus den Gefilden der Seligen und verurteilte ihn dazu, als Gott der Lästermäuler, Satiriker und Grammatiker fortan über die trostlose Erde zu stolpern. Zur Erleichterung verwandelte sich Momos` ursprünglich schwarzes Fell in ein weißes, damit er zwischen den Bosheiten der Menschen nicht allzu sehr auffiele. Der frisch erblichene Delinquent aber gründete, eingedenk seiner rhetorischen Begabung, ohne Scheu eine Sprach Werkstatt. Die Texte, die er darin mit feinem Stichel setzte, verkauft er den Menschen in Form sauber gefalteter Losbriefe, wie sie früher in den Wandelhallen der Tempel zu bekommen waren. In diesen kleinen Schriften aber übersetzte und erklärte er täglich die oft wirren und schwerverständlichen Verlautbarungen der Götter, damit es auf dem sorgenschweren Planeten doch hin und wieder etwas zu lachen gebe. So waren alle zufrieden, und Momos verspürte kein Heimweh mehr nach dem so ernsthaften und langweiligen Olymp.

Text: Friedhelm Sikora